Der Kohlmarkt ist nur rund 250 Meter lang – von der Kreuzung mit dem Graben bis zum Michaelerplatz – aber auf dieser kurzen Strecke drängen sich zwei Jahrtausende Stadtgeschichte. Schon die Römer führten hier ihre Via Decumana entlang, die Hauptachse des Legionslagers, aus der später die Verbindung Richtung Bayern wurde. Im 12. und 13. Jahrhundert verkaufte man an dieser Stelle schlicht Holzkohle – daher der Name, der bis heute geblieben ist, obwohl hier seit Jahrhunderten niemand mehr Kohle verkauft. Aus dem Kohlenmarkt wurde eine der teuersten Einkaufsstraßen der Welt: Zusammen mit Graben und Kärntner Straße bildet der Kohlmarkt das sogenannte „Goldene U“ – mit Mietpreisen von 500 bis 600 Euro pro Quadratmeter und Monat.
Der Flohzirkus im Kaufhaus Pollack
Am Eckhaus Kohlmarkt 2 fällt heute vor allem die aufwendige Fassade auf: Von Stock zu Stock vervielfachen sich die Fenster, oben wachen zwei große Frauenfiguren über eine Kartusche mit den Initialen „SP“ – für Warenhausgründer Pollack, heute mit einem „B“ für Burberry überklebt. Bevor hier großzügig Kleider verkauft wurden, befand sich im Vorgängerbau ein Flohzirkus: Feinmechaniker aus der Schweiz bauten winzige Kutschen und Feuerwehrwagen, spannten Flöhe mit Bindfäden davor und ließen zahlendes Publikum mit der Lupe zusehen. Der Zirkusdirektor soll den Flöhen nach getaner Arbeit angeblich seinen eigenen Unterarm als Festmahl hingehalten haben.
Aus dem Volksmund: Ob es sich dabei wirklich um dressierte Flöhe handelte oder der Zirkusdirektor seinem Publikum nur ein Feinmechanik-Spektakel als „lebendig“ verkaufte, lässt sich heute nicht mehr klären.
Mozart, Chopin und die Familie Wetzlar
Mozart wohnte tatsächlich am Kohlmarkt, auf Nummer 7 – in einer Wohnung, die ihm sein Förderer Raimund Wetzlar von Blankenstern zur Verfügung stellte. Dessen Vater, der Hofjude Karl Wetzlar, hatte dem Kaiserhaus immer wieder Geld vorgestreckt und gehörte zu Mozarts wichtigsten Gönnern. Die Verbindung war so eng, dass Mozarts ältester (und sehr früh verstorbener) Sohn Raimund getauft wurde – nach seinem Taufpaten aus der Familie Wetzlar. Auch Frédéric Chopin verschlug es 1830/31 an den Kohlmarkt: Auf der Durchreise nach Paris blieb er wegen des Aufstands in Warschau in Wien hängen und quartierte sich im alten Ataria-Haus ein – von dort war es nicht weit ins Kaffeehaus.
Kaffeehäuser, ein mutmaßlicher Spion und ein Flop-Kino
Kaffeehäuser gab es am Kohlmarkt reichlich, aber keines glich dem Café Milani an der Ecke Wallnerstraße: hell erleuchtet, mit aufgelegten Zeitungen und Billardtischen, zu einer Zeit, als die meisten Wiener Kaffeehäuser eher finstere Gewölbe waren. Der Betreiber geriet in den Ruf, ein Spion zu sein – belegen lässt sich das nicht, das Gerücht hielt sich trotzdem hartnäckig. Im selben Haus versuchte man sich später sogar am Kino: Das „Kohlenmarktkino“ eröffnete kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit stummen Filmen und Klavierbegleitung – und schloss nach nur einem Jahr wieder.
Das Wachsfigurenkabinett mit den drei nackten Grazien
Wer glaubt, Madame Tussauds sei die einzige Wachsfigurenkabinett-Legende ihrer Zeit gewesen, kennt den Kohlmarkt noch nicht: Ein gewisser „Josef Müller“ eröffnete hier ein Kabinett mit lebensgroßen Figuren – unter anderem einem originalgetreuen Nachbau des Grabmals von Feldmarschall Laudon und angeblich sogar Mozarts Totenmaske. Der größte Publikumsmagnet aber war ein separates Sonderkabinett mit drei lebensgroßen, unbekleideten Wachsfiguren – den „drei Grazien“. Hinter dem Pseudonym „Müller“ verbarg sich übrigens ein Graf, der nach einem tödlichen Duell unter falschem Namen nach Wien zurückgekehrt war.
Loos, Hollein und ein Schlüsselloch aus Metall
Auf Nummer 5 richtete Adolf Loos eine Maßschneiderei ein – die Werkstatt existiert, mit Veränderungen, bis heute. Rund hundert Jahre später setzte Hans Hollein direkt daneben mit dem Portal des Juweliers Schullin ein architektonisches Ausrufezeichen: eine Fassade, die an einen ägyptischen Tempel erinnert. Schräg gegenüber gestaltete Hollein ein zweites Portal, für das winzige Kerzengeschäft Retti – ein schmaler Metalleingang, der sich nach oben trichterförmig öffnet und den Lichtschein einer Kerze nachbildet, oder, je nach Interpretation, ein Schlüsselloch.
Die Sardellenkönigin
Marianne „die schöne Schöttl“ war die Tochter eines Hofbüchsenmachers, der durch einen „Glückshafen“ – eine frühe Form der Lotterie – am Graben zu Wohlstand gekommen war. Ihr Beiname „Sardellenkönigin“ hat sich bis heute in Wiener Anekdoten gehalten, auch wenn die genauen Umstände dahinter längst im Dunkeln liegen.
Weitere Häuser am Kohlmarkt
Der Kohlmarkt hat noch viel mehr zu erzählen, als hier auf einer Seite Platz hat – von Hausnummer zu Hausnummer geht es hier weiter:
- Kohlmarkt 1 – Der Husar in der Nische
- Kohlmarkt 3 – Der Goldfüllfederkönig und der einarmige Pianist
- Kohlmarkt 4 – Das verschwundene älteste Haus
- Kohlmarkt 5 – Wo einst Café Arabia stand
- Kohlmarkt 6 – Café Milani, der Kohlenmarkt-Spion und Wiens erstes Kino
- Kohlmarkt 8–10 – Die Sardellenkönigin und ihre Nachbarn
- Kohlmarkt 9 – Das alte Ataria-Haus, wo Chopin hängenblieb
- Kohlmarkt 11 – Das secessionistische Ataria-Haus
- Kohlmarkt 12 – Das unauffälligste Haus am Kohlmarkt
- Kohlmarkt 14 – Der Temel: Zuckerfiguren, Kaiserschmarrn und die Lucona-Affäre
- Manz – Die Verlags- und Universitätsbuchhandlung
- Huber & Lerner und der verschluckte Nachbar
- Rozet & Fischmeister – Die Juweliere mit der Staatsvertrags-Botschaft
- Großes Michaelerhaus – Hoflieferanten, Hofdichter und eine 500 Jahre alte Apotheke
- Kohlmarkt 18 – Das Dreiläuferhaus und die Familie Wetzlar
- Mohilla – Die Pfeifen- und Tabaklegende
- Das Wachsfigurenkabinett des Grafen in Verkleidung