Bild zu Kohlmarkt 8–10 – Die Sardellenkönigin und ihre Nachbarn

Kohlmarkt 8–10 – Die Sardellenkönigin und ihre Nachbarn

Platzhalterbild – Foto folgt

Wo heute ein Juweliergeschäft residiert, betrieb einst Ignaz Spöttl ein ausgesucht feines Kolonialwarengeschäft – man könnte es sich wie eine frühe Version des heutigen Feinkosthändlers am Graben vorstellen. Weil Spöttl unter anderem Sardellen verkaufte, wurde seine Frau Marianne, „die schöne Schöttl“, bald als „Sardellenkönigin“ bekannt.

Marianne war die Tochter des Hofbüchsenmachers Josef Strassern, der durch einen Glückshafen – eine frühe Form der Lotterie mit vollmundigen Gewinnversprechen – am Graben zu Wohlstand gekommen war. Als Witwe soll sie einen ausgesprochen freizügigen Lebenswandel geführt haben, mit Affären, die man bis in die Familie Metternich hinein munkelte (Vater und Sohn), was der Schriftsteller August von Kotzebue sogar literarisch in seinem Stück „Die beiden Klingsberg“ verarbeitet haben soll.

Aus dem Volksmund: Wie viel an den Metternich-Geschichten wirklich dran war oder ob nur das Kotzebue-Stück dafür sorgte, dass man sich noch heute an sie erinnert, ist nicht zu klären – ebenso wenig, ob ihr Nachttopf tatsächlich aus purem Silber war, wie es heißt. Sicher ist nur, dass sie wohlhabend gestorben ist.

Im selben Haus befand sich später das Café Pucher, ein reines Journalistenlokal, in dem sich die Mitglieder des Presseclubs Concordia trafen, bevor sie eigene Räumlichkeiten in der Wallnerstraße bezogen. Auch der bissige Publizist Karl Kraus soll hier verkehrt haben – wirklich wohlwollend äußerte er sich allerdings über kaum ein Wiener Kaffeehaus.

Nachdem das Café Pucher wieder geschlossen hatte, zog um die Jahrhundertwende an derselben Adresse ein Kino ein – eines der ersten in Wien. Neben dem Eingang soll ein Glaskasten gestanden haben, in dem ein präparierter Gorilla eine blonde Frauenfigur mit angeblich echtem Haar im Arm hielt; einmal im Jahr, so erzählt man sich, kam ein Hoffriseur vorbei, um ihr die Haare zu richten. Gezeigt wurden bewegte Bilder, ein selbstspielendes Klavier war zu bestaunen, dazu ein Weltpanorama – ein rundes Schaugerät mit Gucklöchern, von dem auch Arthur Schnitzler, wie aus seinen minutiös geführten Tagebüchern hervorgeht, vollkommen fasziniert war.

Aus dem Volksmund: Ob die Haare der Frauenfigur wirklich echt waren und der Hoffriseur tatsächlich einmal jährlich vorbeikam, lässt sich nicht mehr überprüfen – der Gorilla wurde jedenfalls nie frisiert.