Wer glaubt, Madame Tussauds sei in ihrer Zeit einzigartig gewesen, kennt den Kohlmarkt noch nicht. Hier betrieb, praktisch zeitgleich mit der berühmten Französin, ein gewisser „Josef Müller“ ein aufwendiges Wachsfigurenkabinett – zunächst am Stock-im-Eisen-Platz, später am Kohlmarkt.
„Josef Müller“ war allerdings ein Pseudonym. Hinter dem Namen verbarg sich in Wirklichkeit ein Graf – Josef Deim – der ein Duell gefochten und dabei seinen Gegner getötet hatte. Er musste fliehen und kehrte erst unter falschem Namen wieder nach Wien zurück, wo er sich mit dem Wachsfigurengeschäft eine neue Existenz aufbaute.
Das Angebot war beachtlich: ein originalgetreuer Nachbau des Grabmals von Feldmarschall Gideon Laudon in Lebensgröße, eine Reiterstatue, dazu allerlei historische Szenen. Deim pflegte zudem Verbindungen zu Mozart – gut dokumentiert ist, dass er sich von ihm eigens Trauermusik komponieren ließ, die sogenannte „Maurerische Trauermusik“. Der Überlieferung nach soll er sogar Mozarts Totenmaske besessen haben, die allerdings heute nicht mehr auffindbar ist.
Aus dem Volksmund: Ob die Totenmaske tatsächlich echt war, lässt sich nicht mehr überprüfen – ebenso wenig, wie viele der Kabinettstücke wirklich das waren, was sie zu sein vorgaben.
Das mit Abstand größte Publikumsinteresse zog jedoch ein separates Sonderkabinett auf sich: drei lebensgroße, unbekleidete Wachsfiguren, die „drei Grazien“. Der Eintritt dorthin war offenbar ein eigenes kleines Geschäftsmodell für sich.
Später übersiedelte Deim mit seiner Sammlung in die Rotenturmstraße nahe dem Schwedenplatz, wo er auf den Fundamenten des einstigen Roten Turms – Teil der alten Stadtmauer – ein imposantes eigenes Gebäude errichten ließ. Dort bestand das Kabinett noch lange fort, bis das Interesse an solchen Kuriositätenschauen mit der Zeit nachließ.